Du weißt, was du kannst. Aber was sollst du verlangen? Der Stundensatz ist eine der schwierigsten Entscheidungen als Freelancer – und die meisten rechnen zu niedrig. Zu günstig sein schaden dir doppelt: Du verdienst weniger und wirkst weniger wertvoll. Diese Anleitung zeigt dir, wie du deinen Stundensatz sauber berechnest – mit echter Formel, echten Zahlen und dem Mindestbetrag, unter dem du auf keinen Fall gehen solltest.
Warum so viele Freelancer ihren Stundensatz falsch berechnen
Der häufigste Fehler: Man nimmt den früheren Nettolohn als Maßstab. Wer als Angestellter 3.000 € netto verdient hat, denkt: “Mit 20 €/h × 160h komme ich auf 3.200 € – das passt.”
Aber das stimmt nicht. Als Selbstständiger zahlt dir niemand:
- Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung (ca. 20 % des Bruttolohns)
- Urlaub (6 Wochen beim Angestellten)
- Krankentage (6 Wochen Entgeltfortzahlung)
- Feiertage
- Betriebsrente, Weiterbildungen, Ausstattung
- Betriebshaftpflicht, andere Versicherungen
Das alles musst du in deinen Stundensatz einpreisen. Klingt viel – ist aber machbar, wenn du es einmal sauber durchrechnest.
Die ehrliche Stundensatz-Formel
Hier ist die Formel, die wirklich funktioniert:
Stundensatz = (Jahreskosten + Gewinnziel) ÷ Fakturierbare Stunden pro Jahr Klingt simpel. Die Kunst liegt in den richtigen Zahlen für jede Variable. Lass uns die drei Bestandteile durchgehen.
Schritt 1: Jahreskosten ermitteln
Deine Jahreskosten bestehen aus:
A) Lebenshaltungskosten (netto)
Was brauchst du privat monatlich?
- Miete / Nebenkosten
- Lebensmittel
- Mobilität, Abos, Freizeit
- Urlaub anteilig
Typischer Wert für Deutschland 2026: 2.000–3.500 €/Monat = 24.000–42.000 €/Jahr
B) Krankenversicherung
Als Selbstständiger zahlst du 100 % selbst:
- Gesetzliche KV (GKV): Allgemeiner Beitragssatz 14,6 % + Zusatzbeitrag (Ø 1,7 %) = ~16,3 %, plus Pflegepflichtversicherung. Bei 3.000 € Einkommen: ca. 490–560 €/Monat.
- Private KV (PKV): Je nach Alter/Gesundheit/Tarif: 200–600 €/Monat.
Jahreskosten KV: ca. 2.400–7.200 €
C) Altersvorsorge
Du bekommst im Alter keine gesetzliche Rente (außer bei Pflichtversicherung). Empfehlung:
- Mindestens 10 % des Bruttogewinns zurücklegen
- Besser: 15–20 % (Rürup, ETF, Immobilien)
Bei 60.000 € Jahresgewinn: 6.000–12.000 €/Jahr
→ Mehr dazu: Altersvorsorge für Selbstständige
D) Betriebsausgaben
| Posten | Jahresbetrag (ca.) |
|---|---|
| Software & Tools | 600–1.500 € |
| Homeoffice-Anteil (Miete, Strom) | 1.200–3.600 € |
| Internet & Telefon | 600 € |
| Weiterbildung | 500–2.000 € |
| Buchhaltung / Steuerberater | 1.200–2.400 € |
| Marketing, Website | 500–1.500 € |
| Arbeitsmittel, Hardware (anteilig) | 500–1.000 € |
| Versicherungen (BU, Haftpflicht) | 500–1.500 € |
| Gesamt | 5.600–14.100 € |
E) Steuern (Rücklage)
Du zahlst Einkommensteuer auf deinen Gewinn. Faustregel: 25–30 % des Gewinns zurücklegen.
Gesamte Jahreskosten (Beispiel):
| Posten | Betrag |
|---|---|
| Lebenshaltung | 36.000 € |
| Krankenversicherung | 6.000 € |
| Altersvorsorge | 6.000 € |
| Betriebsausgaben | 9.600 € |
| Steuer-Rücklage (25 %) | ~14.000 € |
| Gesamt | ~71.600 € |
Schritt 2: Fakturierbare Stunden berechnen
Das ist der Punkt, den die meisten völlig unterschätzen. Du arbeitest nicht 8 Stunden × 220 Tage = 1.760 Stunden/Jahr für Kunden.
Ziehe ab:
| Was | Stunden/Jahr |
|---|---|
| Urlaub (5 Wochen) | – 200 h |
| Krankheit (realistisch: 2 Wochen) | – 80 h |
| Feiertage (~13 Tage) | – 52 h |
| Akquise & Networking | – 200 h |
| Buchhaltung & Admin | – 150 h |
| Weiterbildung | – 80 h |
| Ausfallzeiten / Leerläufe | – 100 h |
| Fakturierbare Stunden | ~900 h |
Das ist weniger als du dachtest, oder? Viele Freelancer haben nur 800–1.100 fakturierbare Stunden pro Jahr – je nach Auftragslage.
Schritt 3: Stundensatz ausrechnen
Jetzt die eigentliche Rechnung:
Stundensatz = 71.600 € ÷ 900 h = 79,55 €/h Aufrunden auf einen runden Wert: 80 €/h als Minimum.
Das ist der Stundensatz, bei dem du gerade so auskommst. Für echten Spielraum und Rücklagen solltest du eher 100–120 €/h anstreben.
Stundensatztabelle nach Branche: Was ist realistisch?
Diese Richtwerte gelten für Deutschland 2026 (Quelle: Freelancer-Plattformen, Branchenreports):
| Bereich | Typischer Stundensatz |
|---|---|
| Junior Entwickler / IT | 60–90 € |
| Senior Entwickler / Tech | 90–150 € |
| UX/UI Designer | 70–110 € |
| SEO / Online Marketing | 60–100 € |
| Texter / Copywriter | 50–120 € |
| Unternehmensberater | 100–250 € |
| Steuerberater / Jurist | 150–350 € |
| Grafikdesigner | 40–90 € |
| Projektmanager | 80–130 € |
| Social Media Manager | 50–80 € |
Diese Zahlen sind Richtwerte. Du kannst darüber oder darunter liegen – je nach Spezialisierung, Erfahrung und Zielgruppe.
Die 3 häufigsten Fehler beim Stundensatz
Fehler 1: Zu niedrig starten “um Kunden zu gewinnen”
Der “Ich mache es erst billig und erhöhe später”-Plan geht selten auf. Kunden, die sich an einen niedrigen Preis gewöhnt haben, akzeptieren Erhöhungen ungern. Und ein niedriger Preis signalisiert oft wenig Vertrauen in die eigene Leistung.
Besser: Starte mit einem fairen Preis. Erkläre deinen Wert – nicht deinen Rabatt.
Fehler 2: Alle Stunden als fakturierbar zählen
Wenn du 8h/Tag arbeitest, heißt das nicht, dass du 8h/Tag abrechnen kannst. Wie oben gezeigt: Nur ~50–60 % der Arbeitszeit ist fakturierbar.
Fehler 3: Steuern vergessen
Viele haben im ersten Jahr einen “guten Jahresabschluss” – und werden vom ersten Steuerbescheid überrascht. Lege von jeder Einnahme direkt 25–30 % zurück.
Tagessatz statt Stundensatz?
Viele Projektkunden bevorzugen einen Tagessatz. Der Vorteil für dich: Weniger Zeiterfassung, pauschalere Abrechnung.
Berechnung:
Tagessatz = Stundensatz × 8 h Bei 80 €/h: 640 €/Tag. Üblich in der IT und Beratungsbranche sind Tagessätze von 600–1.200 €.
Pro Tipp: Nenne bei Anfragen immer zuerst den Tagessatz – das wirkt professioneller als ein sehr hoher Stundensatz.
Pauschal- vs. Stundenhonorar: Was ist besser?
| Modell | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|
| Stundenbasis | Transparent, bei Scope-Änderungen fair | Kunde kontrolliert Budget ständig |
| Pauschalpreis | Einfacher zu verkaufen, höheres Honorar möglich | Risiko bei Mehraufwand |
| Retainer (monatlich) | Planbare Einnahmen, Kundenbindung | Muss eingehalten werden |
| Erfolgshonorar | Einkommens-Upside | Hohes Risiko, schlecht planbar |
Für Einsteiger empfehle ich: Pauschalpreise für klar definierte Leistungen + Stundensatz für alles Unklare.
Stundensatz kommunizieren: So sagst du deinen Preis ohne zu zittern
Viele Freelancer nennen ihren Stundensatz mit zitternder Stimme – und suggerieren damit, dass er zu hoch ist. Dabei gilt:
- Nenne deinen Preis direkt – ohne Entschuldigungen oder Erklärungen
- Schweige nach der Zahl. Lass die Stille wirken.
- Wenn der Kunde zögert: Frag, was sein Budget ist – und entscheide dann, ob du dich anpassen willst (oder nicht).
- Rabatte nur gegen Gegenleistung (schnelle Zahlung, Referenz, Weiterempfehlung)
Rechnungsstellung: Zeig Professionalität nach dem Preisbeschluss
Wenn Preis und Auftrag stehen, kommt der nächste Schritt: die Rechnung. Als Freelancer mit B2B-Kunden bist du seit 2025 verpflichtet, E-Rechnungen empfangen zu können – und solltest auch selbst auf dieses Format umstellen.
Mit kostenlose-erechnung.de geht das einfach und kostenlos:
- ✅ ZUGFeRD und XRechnung erstellen – im Browser, ohne Software
- ✅ 3 Rechnungen/Monat dauerhaft kostenlos
- ✅ Angebote erstellen, die du per Klick in Rechnungen umwandelst (Premium)
- ✅ Alle Pflichtangaben automatisch geprüft
Rechnung schreiben – kostenlos & rechtssicher
Kein Stundensatz-Rechner hilft, wenn die Rechnung fehlt. Erstelle jetzt deine erste professionelle E-Rechnung.
FAQ: Stundensatz Freelancer
Was ist ein guter Stundensatz als Freelancer?
Das hängt von deiner Branche, Erfahrung und Zielgruppe ab. Als Einstieg gilt: Rechne deine tatsächlichen Kosten (Lebenshaltung + KV + Rente + Steuern + Betriebsausgaben) und teile durch fakturierbare Stunden. Das ergibt dein Minimum. Alles darüber ist Gewinn.
Wie hoch sollte mein Stundensatz als Berufsanfänger sein?
Auch als Berufseinsteiger solltest du selten unter 40–50 €/h gehen – wenn deine Kosten realistisch eingerechnet sind. Zu niedrig schmerzt langfristig mehr als ein mutiger Einstiegspreis.
Wie erkläre ich einem Kunden meinen Stundensatz?
Erkläre deinen Wert, nicht deinen Preis. Was spart oder verdient der Kunde durch deine Arbeit? Wenn du das konkret belegen kannst, ist der Stundensatz Nebensache.
Soll ich meinen Stundensatz auf meiner Website nennen?
Das ist situationsabhängig. Für standardisierte Leistungen (z. B. Logo-Design-Paket ab 500 €) kann Transparenz Vertrauen schaffen. Für beratungsintensive Projekte ist “auf Anfrage” oft sinnvoller, um individuell zu kalkulieren.
Wie oft darf ich meinen Stundensatz erhöhen?
So oft du willst – aber kommuniziere Erhöhungen fair und mit Vorlaufzeit (mind. 4–8 Wochen). Begründe den Anstieg (Erfahrung, Marktniveau, gestiegene Kosten). Kunden, die dich schätzen, akzeptieren moderate Erhöhungen in der Regel gut.
Muss ich Mehrwertsteuer auf meinen Stundensatz aufschlagen?
Wenn du kein Kleinunternehmer bist: Ja, du musst 19 % Umsatzsteuer ausweisen und ans Finanzamt abführen. Als Kleinunternehmer (bis 25.000 € Umsatz) entfällt das – dein Stundensatz ist dann ein Bruttopreis.
Fazit: Rechne ehrlich, kommuniziere mutig
Dein Stundensatz ist keine willkürliche Zahl – er ist das Ergebnis deiner tatsächlichen Kosten und deines Wertes für den Kunden. Rechne ihn einmal sauber durch. Schreibe ihn auf. Und stehe dann dazu.
Wer zu billig ist, hat zwar viele Kunden – aber zu wenig Zeit, um sie alle zu bedienen, und zu wenig Geld für Urlaub, Rente und eine neue Kamera.
Dein nächster Schritt: Schreib die erste Rechnung mit deinem neuen Stundensatz – professionell und rechtssicher mit kostenlose-erechnung.de.